Rehabilitationszentrum des Vereins zur Förderung der zeitgemäßen Lebensweise (CYDD), Yalova

PD. Dr. Ayse Yüksel, Vorsitzende der Ortsgruppe Kücükcekmece

(Übersetzung: M. Toker)Der Verein (CYDD) setzt sich mit vielen Problemen unseres Landes auseinander. So auch nach dem verheerenden Erdbeben im August 1999. In fast allen Erdbebenzentren bauten wir Zelte auf, halfen mit freiwilligen Professionellen die Wunden zu verbinden und die Schmerzen zu lindern.

Seit dem 21. August versuchen wir in unserem Rehabilitationszentrum in Yalova psychisch traumatisierten Kindern zu helfen. Kinderpsychiater, Psychologen, Lehrer und freiwillige Helfer arbeiten Hand in Hand mit Theaterspieler, um die Kinder ihr Leid vergessen zu machen, sie wieder zu befähigen ihre Kindheit zurückzugewinnen. Dies wird nicht einfach sein. Doch wir sind zuversichtlich. In den Gesichtern der Kinder sind nicht mehr nur Angst und Trauer zu lesen, auch positive Gefühle finden langsam wieder ihren Platz.

Gülsün Özakin und ich stammen beide aus Yalova. Als sich die Nachricht über das Erdbeben verbreitete, sind wir sofort nach Yalova gefahren. Wir wollten wissen, wie es unseren Nächsten geht, ob sie wohl am Leben sind. Doch als wir dorthin kamen, machte diese Sorge einem ganz anderen Gefühl Platz. Hinter jeder eingestürzten Wand, unter jedem Schutthaufen mussten Menschen liegen. Es schien so, als wenn staatliche Hilfe ausbliebe. Als würden keine Rettungsmannschaften geschickt. Als würde nichts getan.

Menschen schrieen unter den Trümmern um Hilfe, und andere Menschen versuchten sich zu ihnen durchzuarbeiten. Ihren eigenen Schmerz schienen sie vergessen zu haben und mühten sich andere aus dem Schutt zu befreien. Hunderte, wenn nicht Tausende Häuser waren zusammengestürzt. Menschen waren darin, die sich schlafen gelegt hatten, ohne zu ahnen, dass sie in dieser Nacht ein solches Erdbeben erfahren würden, dass sie sterben oder verletzt würden.

Am nächsten Tag kehrte ich nach Istanbul zurück. Mit unserer Vorsitzenden, Frau Prof. Dr. Türkan Saylan, berieten wir, was als nächstes zu tun sei. Wieder fuhr ich mit Gülsün Özakin nach Yalova. Inzwischen hatte sich das Bild dort sehr verändert. Viele Menschen versuchten Opfer aus den Trümmern zu bergen. Andere versuchten die Verpflegung der Bevölkerung sicherzustellen. Ein heftiges Kommen und Gehen war zu beobachten. Die Sirenen der Ambulanzen waren ständig zu hören. Und es war gut so, sie zu hören. Denn jeder Sirenenlaut stand dafür, dass ein Menschenleben gerettet wurde. Dies drückte später auch eine unserer Schülerinnen aus:

„Früher mochte ich diesen Sirenenlaut nicht. Es erinnerte mich immer an Kranke oder Tote. Aber nach dem Erdbeben nehme ich es ganz anders wahr. Dann denke ich jedes Mal, dass ein Leben gerettet wird.“

Überall türmte sich der Müll vieler Spenden auf. Die Menschen waren dankbar für die Hilfe. Mit dem Notdürftigsten wurden sie versorgt. Doch zurück blieb ihre Trauer um die Toten. Die Krisenstäbe arbeiteten unter den schwierigsten Bedingungen. Sie waren dankbar für die Hilfe der Freiwilligen, ließen ihnen freie Hand. Selber waren die Mitarbeiter der Krisenstäbe meist Opfer des Erdbebens, aber sie waren zum Dienst verpflichtet worden. Im Feldlazarett wurde Übermenschliches geleistet. Alle arbeiteten ohne sich zu schonen. Dabei wurde am meisten nach Leichensäcken gesucht. Sofort setzten wir uns mit unserem Krisenstab in Istanbul in Verbindung und konnten wenigstens in dieser Frage helfen. Wir merkten, dass wir ein Teil der Lösung werden konnten. Wir hatten erkannt, wo wir helfen konnten. Nach Istanbul zurückgekehrt, setzten wir unsere Mannschaft zusammen. Eine Gruppe von 21 Freiwilligen machte sich wieder auf den Weg nach Yalova.

In unserer Gruppe gab es Ärzte, Krankenschwestern, Pädagogen, Lehrer und Studenten. Was wir zu tun hatten war vorher besprochen. Sofort besprachen wir uns mit den örtlichen Verantwortlichen. Mit einem LKW, den uns die Firma Mercedes Benz zur Verfügung gestellt hatte, begannen wir Müll zu sammeln. Wir machten uns mit der Bevölkerung bekannt, sortierten im Feldlazarett Medikamente aus und bereiteten die Eröffnung unserer Schule für den nächsten Tag vor. Wir arbeiteten hierbei als Teams in Schichten. Die Teams wechselten, aber der Eifer blieb gleich. Gleichzeitig wurden aus Ataköy mit Booten und Yachten von der Bevölkerung und verschiedenen Organisationen spontan gespendete Lebensmittel und Hilfsgüter nach Yalova transportiert. Wir sortierten diese Güter und verteilten sie. Das vom Erdbeben getroffene Volk von Yalova half uns bei der Verteilung, beim sammeln des Mülls und bei den Versuchen die Kinder zu beruhigen und abzulenken. Wir waren zusammengewachsen im gemeinsamen Kampf.

Die Hilfsbereitschaft und Solidarität der türkischen Nation zeigte sich überall. Jeder drückte seine Betroffenheit und sein Mitgefühl für die Opfer aus. In der ersten Woche kamen Lastwagen auf Lastwagen mit Nahrungsmitteln, Kleidung oder Reinigungsmitteln, und all diese Güter wurden unter den Betroffenen verteilt. Mit der Zeit nahm dies ab, ja hörte zwischenzeitlich ganz auf. Vielleicht ist es auch gut so, wenn vorübergehend diese Art von Hilfe ruht. Aber diese Hilfen dürfen nicht ganz aufhören.

Damit die Wunden heilen und die Trauer gelindert wird, bedarf es weniger kurzfristiger, als mehr langfristiger Lösungen. In diesem Sinne fällt der CYDD eine große Aufgabe zu. Schon in den ersten Tagen begannen wir mit langfristigen Projekten, für die wir auch eine Vielzahl Freiwilliger gewinnen konnten. In meinen Augen ist die freiwillige Tätigkeit ein sehr schwieriges Handwerk. Es ist ein eifriges Tun ohne Dünkel. Wir haben viele solcher Menschen kennen gelernt. Doch gibt es auch andere, denen ich kein Verständnis entgegen bringen kann. Wichtig ist doch, gerade in schwierigsten Zeiten zusammen zu stehen.

Das Rehabilitationszentrum des CYDD wurde zunächst auf einem Platz erreichtet, wo sonst Auto-Scooter betrieben werden. Hier lebten wir, verteilten die Hilfsgüter, bewirteten die Erdbebenopfer und kümmerten uns um die Kinder. Das tun wir immer noch. Aber inzwischen haben wir ein festes Zelt, was uns hilfsbereite Freunde zur Verfügung stellten. Jetzt versuchen wir mit Hilfe von Freiwilligen und Firmen Schulen zu gründen, in denen die Kinder langfristig betreut werden können. Eine unserer Schülerinnen, Zeynep, hat in einem Bild, was sie malte, so dargestellt: Auf der einen Bildhälfte waren das Erdbeben und ihre Angst gezeichnet, die andere Bildhälfte stellte den Frühling dar. Diesen brachte sie mit dem CYDD in Zusammenhang.

Was wir jetzt planen ist, dass wenn die erste Schockphase vorbei ist, eine Ortsgruppe unseres Vereins in Yalova zu gründen. Wir wollen mit unseren Programmen für die Kinder fortfahren, sie beschulen oder ihnen Stipendien beschaffen. Wir wollen weiterhin den Frauen psychologische und soziale Hilfen zukommen lassen. Für all diese Arbeit brauchen wir die Unterstützung unserer Freunde.Zünden auch Sie ein Licht an im Dunkel der Ruinen.

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